„Die Scham muss die Seite wechseln“

 

Die Installation besteht aus zwei gegenüberstehenden Röhrenbildschirmen, über die von mir erstellte Videos abgespielt werden. Die Verwendung dieser Technik ist bewusst gewählt:

Röhrenbildschirme tragen eine historische Bildästhetik in sich und haben sich tief in das kollektive visuelle Gedächtnis eingeschrieben. Die flimmernden, leicht unscharfen Bilder wirken wie ein Ruf aus der Vergangenheit in die Zukunft. Während digitale Bilder nahezu körperlos erscheinen, besitzt das Röhrengerät eine physische Präsenz. Diese Körperlichkeit unterstützt und personalisiert die Thematik der Arbeit.

Auf dem ersten Bildschirm läuft ein Video, das auf Fotografien aus den sogenannten Epstein Files basiert und mittels KI erstellt wurde.

 Hinweis zu Bildquellen

Für die Videosequenz wurden vier Fotografien aus den veröffentlichten U.S. Department of Justice evidence files (Epstein dataset) verwendet. Die Bilder stammen aus dem Kontext der Ermittlungsunterlagen im Fall Jeffrey Epstein und sind als öffentlich zugängliches Dokumentationsmaterial veröffentlicht worden.

 Die ursprünglichen Fotograf:innen, die genaue Entstehungssituation der einzelnen Aufnahmen und die beteiligten Personen sind innerhalb des Datensatzes nicht eindeutig ausgewiesen. Die Fotografien werden in der Arbeit nicht dokumentarisch reproduziert, sondern in eine künstlerische Videosequenz überführt und formal transformiert und verfremdet.

Hinweis zum Text auf dem Körper

Die Zitate, die auf den 4 Fotos aus der Sammlung von Jeffrey Epstein zu sehen sind, stammen aus dem Roman, der auch im Hintergrund drapiert ist, "Lolita" von Vladimir Nabokov.  Die Sätze Nummer drei, fünf, sechs und sieben sind auf einen Fuß, Dekolleté, einen Nacken und einen Unterkörper geschrieben. In deutscher Übersetzung:

 In deutscher Übersetzung: "Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta. Sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß, in einem Söckchen dastand. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule."

 „vier Fuß zehn", das sind umgerechnet 1,47 Meter, was nicht der Körpergröße einer volljährigen und damit sexuell autonomen Frau entspricht.

 

Hinweis zum Video

Weibliche Hände reiben mit einer Bürste die Schrift vom Körper ab. Die Schrift verschwindet Stück für Stück von der Haut. Das Video soll die Gefühle missbrauchter Frauen deutlich machen, die sich beschmutzt fühlen und versuchen, den Schmutz von ihrem Körper zu reiben. Man wird Zeuge eines Aktes der Scham, aber auch der rituellen Reinigung und der Rückeroberung des eigenen Körpers.

 https://www.youtube.com/watch?v=5STvRYpAJjY

Der zweite Bildschirm zeigt eine Sequenz von Lippen vieler unterschiedlicher Frauen aus unterschiedlichen Ländern.

Ich habe sie aufgefordert, folgenden Satz zu sprechen und mir ein Video davon zu senden„Die Scham muss die Seite wechseln.“

 

https://youtu.be/8LMuOwkD1eo?is=-93H8dEWwC2igtYo

 

Die Formulierung „Die Scham muss die Seite wechseln“ (frz. « La honte doit changer de camp ») wurde bekannt im öffentlichen Kontext des Strafverfahrens gegen den Ehemann von Gisèle Pelicot im Jahr 2024 in Südfrankreich, der sie jahrzehntelang betäubt, im Schlaf selbst und von vielen anderen Männern vergewaltigt hat (lassen). Pelicot hatte sich entschieden, den Prozess öffentlich führen zu lassen.

In ihrer Erklärung vor Gericht betonte sie, dass sie sich nicht schäme, sondern dass die Scham die Täter treffen müsse.

 

In französischen Medien wurde dieser Gedanke als prägnanter Satz wiedergegeben:„ La honte doit changer de camp.“

Der Satz wurde medial zum Leitmotiv des Verfahrens, und ist mit der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe ihres Buches, den aktuellen Veröffentlichungen der Epstein Files/ Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche hochaktuell.

 

Inhaltlich ist die Idee älter: In feministischen Bewegungen seit den 1970er Jahren findet sich das Motiv der Umkehr der Täter-Opfer-Scham. Vergleichbare Formulierungen tauchten im Kontext von #MeToo auf („Shame must change sides“).

 

Der Satz – der häufig im Zusammenhang mit der feministischen Kritik an sexualisierter Gewalt zitiert wird – fungiert hier als kollektive Aussage. Durch die Vielzahl der Stimmen und Sprachen entsteht ein chorischer Moment.

https://www.youtube.com/watch?v=ZDwTALqAVpg